Elliot Rodger: „My Twisted World“ (1)

Elliot Rodger: „My Twisted World“ (1)

Dirk M. Jürgens

Ist Autor und Zeichner des wohl eher berüchtigt denn berühmten Webcomics STRICHMANN und wäre eigentlich gerne ein seriöser Zeichner, was man seinem Schaffen aber nicht anmerkt. Wohnhaft in Schleswig-Holstein und kein Freund von Katzen. Befürwortet die gewaltsame Unterdrückung von Clowns.

„My Twisted World – The Story of Elliot Rodger“ von Elliot Rodger (2014)
(Amerikanisches Original, veröffentlicht im Internet) Autobiographie/Psychogramm

Mir ist bewusst, dass es etwas heikel ist, das Tagebuch eines realen, noch nicht lange kalten Massenmörders hier wie ein gewöhnliches Stück Literatur zu behandeln und ihm somit noch posthume Aufmerksamkeit zu schenken. Da der Amokläufer Elliot Rodger es mit seinem Blutbad und den Begleitvideos bei Youtube aber eh schon zu bizarrer Prominenz gebracht hat und ich eine lange Zugfahrt Zeit hatte, sein 140seitiges Tagebuch und Manifest zu lesen, will ich mich dennoch mal ausführlicher dazu äußern.
Vor allem lohnt das Buch deshalb eine Betrachtung, weil es eine gewaltige Überraschung bietet: Es ist brüllend komisch!
Wo Rodgers glaubt, eine ergreifende Chronik unverdienten Leides zu schildern, jammert er auf höchstem Niveau und schafft es ständig, obwohl er der einzige und höchst unzuverlässige Erzähler ist, auch jeden Hauch Mitgefühl im Keim zu ersticken. Er selbst ist die Ursache all seines Ungemachs und schildert seine eigenen Dummheiten empört und ohne jeden Anflug von Selbstreflexion. Wie die Welt und wie Menschen funktionieren bleibt ihm zudem durchgängig verschlossen, doch hält er sich aufgrund seiner eigenen Fantastereien für einen scharfsinnigen Beobachter und Menschenkenner.

„My six-year-old self was playing with girls, unbeknownst to the horror and misery the female gender would inflict upon me later in my life.“

In „My Twisted World“ schildert Rodger, nach Lebensjahren sortiert, sein Leben bis zum aktuellen Zeitpunkt kurz vor seinem, zum „Day of Retribution“ verklärten Amoklauf. Seine Kindheit mit reichen Eltern schildert er harmonisch, doch schon dort zeigen sich erste Anzeichen für das, was generell nicht mit ihm stimmt. So prahlt er unablässig von den vielen Reisen, die seine Eltern mit ihm unternommen haben und wie weltbürgerlich es ihn (der als Baby oder Kleinkind ja wenig mitbekommt und noch weniger aktiv handelt) macht. Dass diese glückliche Kindheit von netten Lehrerinnen und liebevollen Hausangestellten begleitet wird, bezieht er bei seiner Gesamtbetrachtung des weiblichen Geschlechts übrigens später nicht ein.
Auch über seine Schulzeit kann er anfangs wenig klagen. Dass der Status damals durch den Besitz der besten Pokémon-Karten geregelt wird, lobt er als gerechtes und sinnvolles System, in dem jeder die gleichen Chancen habe – das Geld seiner Eltern, welches ihm die besten Monster verschafft, sieht er auch hier als selbstverständlich an.  Dieses Hobby gibt er jedoch auf, als er hört, dass jemand Pokémon als „lame“ bezeichnet. Schon hier ist für ihn also die Fremdwahrnehmung alles.
Gerade, da er unterdurchschnittlich groß ist und stets beklagt, von Mädchen oder Jüngeren überragt zu werden, braucht er eine prestigeträchtige Beschäftigung, mit der er sein Ansehen steigern kann. Dass er sich mit diesem Problem ausgerechnet für Basketball entscheidet, ist eine wunderbare Miniatur davon, wie er mit seiner Merkbefreitheit selbst stets die Wurzel seiner Schwierigkeiten ist.

Die meisten seiner Freundschaften lassen sich kaum als solche bezeichnen, da Sympathie oder Verständnis nie eine Rolle spielt. Er hasst die coolen Kids, betrachtet sie als durchweg schlechte Menschen und will dennoch mit ihnen befreundet sein, weil es sozialen Aufstieg bedeutet.
Eine Wende in seinem Leben ergibt sich, als er im Sommercamp von einem unfreundlichen, groß gewachsenen Mädchen angerempelt und angeschnauzt wird. In Form dieser einen Repräsentantin haben ihm ab sofort alle weiblichen Wesen den Krieg erklärt und haben nun etwas wieder gut zu machen… was sie jedoch nicht tun!

„Finding out about sex is one of the things that truly destroyed my entire life.“

Mit der Pubertät wird alles dann nun noch schlimmer. Als ein Kumpel ihm ein Nacktbild zeigt, wird Rodger von Ekel wie Verlangen gleichzeitig übermannt und weiß von nun an, dass Sex eine widerwärtige, abscheuliche Sache ist, die er aber unbedingt haben muss. Oder, wenn er sie nicht haben kann, will er sie zumindest zerstören: Noch mit 17 Jahren hält er es für einen realistischen Zukunftsplan, Diktator der USA zu werden und Sex vollständig zu verbieten.
Mit der Sexualität verbindet ihn also die gleiche Hassliebe, wie zu den Leuten, die er trotz Abneigung gern als Freunde hätte. Es ist weniger das Gefühl, als der Status, der daraus entspringt: Man hat Geld, Sex und attraktive Freunde zu haben, um etwas darzustellen! – Jeder Funke Mitleid, den man zwischendurch trotz seiner Oberflächlichkeit mit ihm haben könnte, wird übrigens erstickt, wenn er selbst Menschen begegnet, die er als unattraktiv oder sogar hässlich empfindet. Für diese minderwertigen Geschöpfe kennt seine Verachtung keine Grenzen.

Seine rein materielle Welt erleidet ein paar harte Schläge, als sich seine Eltern scheiden lassen und einige der Häuser, in die seine Mutter mit ihm und seinen Geschwistern zieht, seinen Ansprüchen nicht genügen. Als sie sogar in ein Apartment ziehen, ist es für ihn die ultimative Demütigung, so dass er die meisten seiner wenigen Freundschaften abbricht, auf dass niemand  von dieser Schande erfahre. Dass er seinen, wenn ich mich nicht irre, zu dem Zeitpunkt dreijährigen Bruder vor dem Ertrinken rettet, ist ihm übrigens nur einen kurzen Absatz wert. Dass er bei „World of Warcraft“ den damals höchstmöglichen Level erreicht hat, zählt in seinem Wertesystem mehr.

„I must be destined for greatness. I must be destined to change the world, to shape it into an image that suits me!“

Einen interessanten Kontrast stellt dieses materielle Weltbild zu seiner Selbsteinschätzung dar. Er selbst ist vortrefflich und einer der großen Menschen dieser Zeit – daran zweifelt Elliot Rodger auch in seiner dunkelsten Stunde nicht. Es ist lediglich das Versagen der Welt, welche ihn unten hält. Schließlich kann man nicht von ihm erwarten, dass er selbst etwas dafür tut!

So läuft die Hollywoodkarriere seines Vaters zeitweise eher schlecht, was unseren Helden zutiefst verbittert und seinen Erzeuger verachten lässt. Weiß der denn nicht, dass er seinem erwachsenen Sohn schuldig ist, reich zu werden und seinen Reichtum mit ihm zu teilen?
Auch seine Mutter enttäuscht ihn: Aus purer Selbstsucht weigert sie sich, auf Drängen ihres Sohnes irgendwen mit Geld zu heiraten, um so den Status der Familie zu erhöhen. Noch in seinen letzten Zeilen, bevor er zur Waffe greift, wirft Rodger ihr bitter vor, wie sie ihn im Stich gelassen habe: „All of my horrific troubles would have been eased instantly. It is very selfish of my mother to not consider this.“
Also muss er wohl selbst ran! Sein Plan ist, es, einen Bestseller zu schreiben und wenn dieser dann verfilmt wird, jede Menge Groupies abzugreifen. So hätte er Sex und Reichtum gleich beisammen. Dieser todsichere Plan scheitert überraschend daran, dass er nichts schreibt. Als ihm klar wird, dass es wohl eh einige Zeit dauern würde, bis er zur Filmpremiere könne, zu welcher sein Buch nur ein notwendiger Zwischenschritt ist, lässt er es ganz sein. Mögen Sex und Geld auch seine drängendsten Wünsche sein – Mühe sind sie ihm dann doch nicht wert. Dann doch lieber Amok laufen!

„The injustice! I hated them all. Everyone treated me like I was invisible. No one reached out to me, no one knew I existed.“

Obwohl er auch noch immer auf politische Macht hofft, ist ihm auch eine Ausbildung dazu zuviel Aufwand. Collegekurse bricht er ab, sobald darin eine attraktive Blondine (andere Haarfarben gibt es für ihn nicht) auftaucht, weil dann sein Hass, dass sie sich ihm nicht hingibt, zu stark ist, als dass er dem Kurs folgen könnte. Auch im Umgang mit Frauen hat nicht etwa er etwas zu tun, sondern diese haben unaufgefordert zu ihm zu kommen. So sitzt er mehrere Stunden in seiner teuersten Kleidung in einem Coffeeshop, doch keine Blondine setzt sich zu ihm und bittet, seine Freundin sein zu dürfen. Ja, stattdessen wagen es einige sogar, ihn zu verhöhnen, indem sie mit eigenen Partnern auftauchen. Durch diese absolut nicht nachvollziehbaren Gehässigkeiten zeigt das satanische weibliche Geschlecht sein wahres Gesicht.
Alles, was aktivem Tun am nächsten kommt ist es, einmal langsam an zwei Mädels an einer Bushaltestelle vorbeizufahren und ihnen zuzulächeln und ein anderes Mal einer unbekannten Kommilitonin ein „Hi!“ zuzuwerfen. Jedoch: “She kept on walking and didn’t even have the grace to respond to me. How dare she! That foul bitch. I felt so humiliated that I went to one of the school bathrooms, locked myself in a toilet stall, and cried for an hour.“
Auch das übrigens ein Leitmotiv. Rodgers, der sich ja gern als das „wahre Alpha-Männchen“ bezeichnete, heult oft, lange und öffentlich und gern aus geringem Anlass. Deshalb halte man ihn aber bloß nicht für einen „neuen Mann“, der zu seinen Gefühlen steht. Schwäche (etwa seines einzigen Freundes, der auch keinen Erfolg bei Frauen hat, diese aber dennoch nicht hasst) verachtet er. Sein Weinen ist so unreif, kindisch und fordernd, wie alles an seiner unangenehmen Persönlichkeit.
Selbst Eurasier, ist er übrigens flammender Rassist. Noch mehr als die Frauen, die sich an die üblichen „obnoxious slobs“ verschwenden, hasst er die, die mit hässlichen Schwarzen, niederen Asiaten oder minderwertigen Mexikanern Rassenschande betreiben.

Er gibt sich wirklich Mühe, ja keinen unsympathischen Zug auszulassen.

(Zweiter Teil HIER)

6 Comments

  1. TomHorn
    Jun 30, 2014 @ 12:40:25

    Scheint ja ein toller Typ gewesen zu sein, der Elliot. Wenn das Buch in gedruckter Form verlegt würde, würde ich hoffen, dass es nicht wieder gefunden wird…

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    • Sebastian Kempke
      Jul 01, 2014 @ 09:23:02

      Das wäre wünschenswert!

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  2. Tante Jay
    Jul 01, 2014 @ 15:18:18

    Im Gegenteil. Das MUSS wiedergefunden werden. Entsprechend aufbereitet, mit Erklärungen versehen und als Zeugnis, was Vernachlässigung und Ablehnung aus Kindern machen können.

    Amokläufe wird man nicht verhindern, indem man die Augen zumacht.

    Sondern indem man die Amokläufer als die Massenmörder und Idioten brandmarkt, die sie sind.

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  3. Dirk M. Jürgens
    Jul 01, 2014 @ 18:19:31

    Wobei ich nicht weiß, ob man hier wirklich etwas hätte verhindern können.
    Ich habe jetzt nur ihn selbst als Quelle für Details und auch da zeigt er schon mächtig antisoziale Tendenzen (wie im bald kommenden zweiten Teil näher ausgeführt), aber deshalb besorgte man ihm ja auch therapeutische Hilfe. Dass er nicht nur ein verquerer, unglücklicher Nerd, sondern gefährlich war, war vielleicht nicht wirklich zu sehen, so dass man auf Verdacht ungern gleich härtere Zwangsmaßnahmen gegen ihn einleiten wollte.
    Wie vernachlässigt oder abgelehnt er nun wirklich war, ist schlecht zu sagen, da er selbst ja wie gesagt wenig Kontakt herstellte und sich vor allem auf materielle Bedürfnisse beschränkte.

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    • Sebastian Kempke
      Jul 01, 2014 @ 19:13:32

      Es ist eine zweischneidige Angelegenheit und da darf man sicher auch unterschiedlicher Meinung sein. Manch einem Amokläufer soll es ja um möglichst viel Aufmerksamkeit gehen. Da sie vielleicht nicht dazu in der Lage sind, irgendwelche Abstufungen vorzunehmen, was die Qualität der Aufmerksamekeit betrifft, wird “Aufmerksamkeit um jeden Preis” sicher eine Option sein. Und die verstärkt man eben noch, wenn man es zu breit tritt in der Öffentlichkeit. Aber who knows.

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      • Dirk M. Jürgens
        Jul 01, 2014 @ 19:37:07

        Das war auch meine Sorge im Vorfeld – auch, wenn er selbst es nicht mehr mitbekommt, bestätigt man durch seine Behandlung halt, dass Morde ein guter Weg sind, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

        Aber da er nun eh schon allgegenwärtig war, sah ich den Schaden hier als relativ gering an. Jeder kannte seinen Namen und sein Gesicht, aber durch die Instrumentalisierung verschiedenster Parteien wurde er allgemein als Opfer der Umstände oder Gesellschaft dargestellt, während sein Buch eben eine einzige Chronik kindischen Narzissmus’ ist. Da schien es mir dann gerechtfertigt, diesen Aspekt, der zu oft vergessen wird, in den Vordergrund zu rücken und so sein Andenken mit etwas mehr verdienter Lächerlichkeit zu beflecken.

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