Elliot Rodger: “My Twisted World” (2)

Elliot Rodger: “My Twisted World” (2)

Dirk M. Jürgens

Ist Autor und Zeichner des wohl eher berüchtigt denn berühmten Webcomics STRICHMANN und wäre eigentlich gerne ein seriöser Zeichner, was man seinem Schaffen aber nicht anmerkt. Wohnhaft in Schleswig-Holstein und kein Freund von Katzen. Befürwortet die gewaltsame Unterdrückung von Clowns.

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(Erster Teil HIER.)

„I was tired of being the invisible shy kid. Infamy is better than total obscurity.“

Von der Welt, die seine nicht erfolgten Mühen nicht honoriert, verraten, sinnt Rodger schließlich auf Rache an allem und jeden. Dies beginnt er mit der seltsamen (und wieder enorm kindischen) Angewohnheit, Getränke auf Leute zu kippen, die er verdächtigt, Sexualleben zu haben. Mit einer Super Soaker voller Orangensaft unternimmt er gewissermaßen schon einmal einen Probe-Amoklauf.

Vor dem Blutbad selbst schreckt er jedoch noch lange Zeit zurück. Nicht etwa aus moralischen Gründen, sondern vielmehr aus seiner bekannten Selbstüberschätzung: „My life was too important to risk doing anything rash.“ So beschließt er, der Welt noch eine Chance zu geben.

Er wagt sich sogar (angetrunken) auf eine Party, wo er sogleich Frauen und Nichtweiße beschimpft und versucht, sie von einer erhöhten Terrasse zu stoßen. Klein, untrainiert und besoffen, wie er ist, endet es in einem erwartbaren Debakel. Dass ihm keine der Frauen, die er eben noch attackierte nun, nachdem er von ihren Begleitern aufs Maul bekommen hat, Mitleidsex anbietet, zeigt ihm wieder mal, wie durchweg schlecht diese sind. Mitten in der Nacht ruft er heulend erst seine Mutter, dann seine Schwester an, um sich darüber zu beklagen.

Doch selbst seine Familie bietet ihm keinen Rückzugsort, da es seine jüngere Schwester doch tatsächlich wagt, einen Freund (noch dazu einen der verhassten Mexikaner) zu haben. Dieser Parasit muss nicht einmal bezahlen, wenn er am Wochenende bei der Familie zum Essen ist. Soviel Gier macht Rodger ganz krank, aber er hat wenig Zeit, darüber zu diskutieren. Schließlich ist er eigentlich vorbei gekommen, um von seiner Mutter zu verlangen, ihm einen BMW zu kaufen, da ihm sein (geschenkter) Mercedes nicht mehr gefällt.

Als humoristisches Zwischenspiel besucht er die Premiere des ersten „Hunger Games“-Films. Dort kränken ihn die Paparazzi damit, nicht ihn, sondern Jennifer Lawrence zu umschwärmen… und das nur, weil sie die Hauptrolle gespielt hat. Dabei ist er doch Elliot Rodger, ein Typ, der nie irgendwas gemacht hat und entsprechend wesentlich wichtiger.

Auch wird er für eine Geschworenen-Jury vor Gericht ausgewählt. Trotz seines allgemeinen Machthungers, hat er aber keine Lust auf diese Chance, tatsächlich einmal Einfluss auf etwas zu haben. Zudem beleidigt ihn auch dort die Anwesenheit einer Frau, die doch tatsächlich die Dreistheit hat, von jemand anderen angesprochen zu werden, als Rodger selbst sie nur stumm anstarrt. Zum Glück (vermutlich für alle Prozessteilnehmer) kann der selbsternannte perfekte Gentleman sich um seine Staatsbürgerpflichten herummogeln.

„If I cannot join them, I will rise above them“

Wo nun der (ihm ja eh zu geringe) Familienbesitz nun noch durch Eindringlinge bedroht wird, wird die Notwendigkeit eigenen Reichtums noch größer. Rodger kratzt seine sämtlichen College-Ersparnisse zusammen und spielt Lotto. Immer und immer wieder. Schließlich setzt er bis zu 700 Dollar im Monat. Er geht davon aus, mit dem Millionen-Jackpot nun endlich den hart erarbeiteten Lohn für seine Passivität zu bekommen. Auch hier wird er jedoch um das gebracht, was ihm zusteht, da er tatsächlich und entgegen aller Wahrscheinlichkeit nicht gewinnt. – Mit dieser erneuten Bosheit hat die Welt sich selbst zuzuschreiben, was er ihr anzutun jetzt gezwungen ist!

Er dreht seine Youtube-Videos, kauft sich Feuerwaffen (auch hier betont er, wie teuer sie seien) und träumt noch einmal, wie eine gerechte Welt aussähe. In dieser sei er selbst absolutistischer Herrscher und alle Frauen wären in Konzentrationslagern gefangen. Täglich würde er ihre verdienten Leiden genießen, während er entscheidet, welche zu Zuchtzwecken am Leben bleiben dürfen. Ein bescheidener Traum, doch ihm wurde ja selbst dieser verwehrt!

Mit seiner wie üblich realistischen Selbsteinschätzung vermutet er, sein Amoklauf werde vermutlich ganz Santa Barbara entvölkern und sein Datum künftig das gesamte 21. Jahrhundert überschatten. Die Alpha-Phi-Schwesternschaft werde auf jeden Fall vollständig draufgehen und diese habe es besonders verdient – denn hätte er je Kontakt zu deren Mitgliedern gesucht, so ist er sicher, hätten sie ihn bestimmt abgelehnt. Für diese theoretische Zurückweisung soll sie nun bezahlen.

„I am Elliot Rodger… Magnificent, glorious, supreme, eminent… Divine! I am the closest thing there is to a living god. Humanity is a disgusting, depraved, and evil species. It is my purpose to punish them all. I will purify the world of everything that is wrong with it. On the Day of Retribution, I will truly be a powerful god, punishing everyone I deem to be impure and depraved.“

Literarisch gibt es hier wohl nicht viel zu sagen.

Ein unsympathischer Protagonist beklagt in endlosen Wiederholungen immer wieder die gleichen Nichtereignisse in pathetischer Sprache, deren Wirkung  immer wieder von seiner Lächerlichkeit neutralisiert wird. Der Umstand, dass das am Ende angekündigte Blutbad (wenn auch in wesentlich kleinerem Maßstäben, da Rodger auch als Killer nicht wirklich fähig war) tatsächlich stattfand, versäuert natürlich die unfreiwillige Komik immer wieder, aber wenn er versucht, seine Mutter zu verschachern, oder Frauen vorwirft, ihn nicht für seine Videospielleistungen (von denen sie ja nicht einmal wissen) zu achten, bahnt sich das ungläubige Lachen dennoch immer wieder seinen Weg. Ein talentierter Autor war Rodger jedenfalls nicht, aber zusammen mit dem düsteren Hintergrund und besagter langer Bahnfahrt hat er mich doch gut unterhalten können.

Noch ehe das Blut des Täters und seiner sechs Opfern getrocknet war, wurde Rodger, wie so viele seiner Mörderkollegen, sogleich vor die verschiedensten politischen Karren gespannt. Ob seines Frauenhasses wurde er besonders unter den ewig eifrigen Geschlechterkriegern instrumentalisiert, die ihn entweder als Opfer weiblicher Weltverschwörer, oder Sinnbild aller Männer sahen. Der unsympathische Hashtag, der den Amoklauf zu einer generellen Sache zwischen allen Männern und Frauen aufblies und damit die Mehrzahl seiner Opfer auf Seiten des Täters verschob (also victim blaming betrieb, damit sich die Teilnehmerinnen auf den Schultern wahrer Mordopfer selbst bemitleiden konnten) als unerfreulicher Gipfel.

Nun bin ich durchaus dafür, die gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe von Gewaltverbrechen zu durchleuchten, da selbst ein absolut geisteskranker Täter ja seinen Wahn nicht im luftleeren Raum entwickelt (wer etwa glaubt, der Teufel befehle ihm zu morden, ist erst einmal von der generellen Vorstellung einer Metaphysik beeinflusst), doch welche Schuld sollte sich die Gesellschaft hier geben? So ungern ich sie entlaste – ich fürchte fast, hier trifft die Schuld wirklich allein Elliot Rodger.

Wer sich ihm verbunden fühlt, weil er selbst ständig in der Friendzone steckt, der sei versichert, dass Rodger das niemals tat. Sein ganzes Erwachsenenleben über hatte er nie eine weibliche Bekanntschaft, abgesehen von Verwandten oder Angestellten. Seine Behauptung, von Frauen stets abgelehnt worden zu sein, steht auf dem tönernen Fuß, dass er selbst jeden Kontakt zu Frauen mied, sie also nie eine Chance hatten. Sie haben ihn weder ausgenutzt, noch abgelehnt, sie haben schlicht seine Existenz nie bemerkt, weil er nie Anstalten machte, sich bemerkbar zu machen.

Wer hingegen meint, Rodger zeige ein generelles männliches Anspruchsdenken, bei dem Frauen ein zu verdienendes Eigentum seien, der beachte bitte, dass er sich ja selbst nach einem solchen Modell nie eine Frau „verdient“ habe. In seinem klugen, wenn auch etwas einseitigen Artikel „5 Ways Modern Men Are Trained to Hate Women“ verweist David Wong vollkommen zutreffend darauf, dass Hollywood uns allen beigebracht hat, dass jede Erfolgsgeschichte stets auch mit einer Liebesgeschichte garniert wird. Nur eine solche Erfolgsgeschichte hatte Rodger nie. Er erfüllt ja keineswegs die traditionellen männlichen Werte und Rollen. So sehr er von Geld und Status schwärmte, so sehr tat er selbst überhaupt nichts dafür. Was er hatte, bekam er von seinen Eltern. Jemand wie er wäre in den 50ern (die ja gern als goldene Jahre des Chauvinismus angesehen werden) noch wesentlich verachteter gewesen, als heute.

Ihn MRAs, Männerrechtlern oder Maskulisten anzuhängen ist ebenso blödsinnig. Um komplexere Geschlechterverhältnisse ging es Rodger nie. ER wollte eine Blondine haben, mit der er (möglichst demonstrativ) Sex haben und alle anderen Leute übertreffen und in den Schatten stellen konnte. Da gab es kein ideologisches Ganzes drumherum. Auch, dass er Männer nur indirekt wegen ihres Erfolgs bei Frauen hasste, ignoriert, dass er seine drei Mitbewohner zuerst (und auf die persönliche Art mit dem Messer) tötete, diese ihn aber nicht durch ihr Liebesleben beschämt hatten, sondern von ihm als Nerds verachtet wurden.

Sein Anspruchsdenken ist nichts geschlechterspezifisches, sondern universell. Es ging ihm nicht darum, was Frauen Männern schuldig seien, sondern was die komplette Welt ihm schuldig sei. Er hatte keine Bilder von Männlichkeit oder Weiblichkeit, die einzigen Gruppen, die er wirklich sah, waren ELLIOT RODGER und DIE ANDEREN. Letztere komplett ersterem verpflichtet.

Ich bin kein Psychologe und kein Psychiater. Ich bin Elliot Rodger nie persönlich begegnet. Entsprechend kann ich mir nicht anmaßen, die klare Lösung zu seinem Fall zu bieten, aber was ich aus seinem Tagebuch entnehme ist vor allem sein kompletter, von keiner größeren Philosophie umgebener Egoismus. Seine absolute Unfähigkeit, andere Menschen zu verstehen oder auch nur wahrzunehmen.

Ja, noch vor Menschenhasser war Rodger Frauenhasser. Doch das entsprang nicht einer gesellschaftlich propagierten Misogynie, wegen der man jetzt eifrig sich selbst zum Opfer erklären und die echten Opfer verdrängen kann, sondern es entsprang Rodgers Narzissmus. Er sah sich als Zentrum des Universums, die ganze Welt in seiner Schuld und alles was geschah, bezog er auf sich. Es ist traurige Ironie, wie viele Leute als Reaktion auf seinen Amoklauf genau so reagieren.

Insofern gibt die traurige Geschichte uns vielleicht tatsächlich etwas zu lernen. Aber eben nicht, dass diese oder jene Gruppe, die wir eh nicht mögen, Schuld an allem hat, sondern dass wir nie aufhören sollten, uns selbst zu hinterfragen.

Denn das hat Elliot Rodger nie getan.

One Comment

  1. Tante Jay
    Jul 04, 2014 @ 13:47:21

    Gutes Schlußwort.

    Die Frage, wie er so aus dem Ruder laufen konnte (Vernachlässigung?) müssen andere beantworten.

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