“Sin City” TPB #1 “Engelsduft” & #2 “Die Stunde des Wolfes”

“Sin City” TPB #1 “Engelsduft” & #2 “Die Stunde des Wolfes” von Frank Miller (1992)
(dt. Ausgabe Carlsen) Hardboiled
Wer wäre geeigneter, die Comic-Ecke unserer Seite zu eröffnen, als Frank Miller, der Martin Luther der neunten Kunst!
Zwar geht es hier nicht um seine großen, die Comicrenaissance einleitenden Werke “Elektra” oder “The Dark Knight Returns”, doch seine mit dem National Cartoonist’s Award 1993 ausgezeichnete Reihe “Sin City” dürte ebenfalls würdig sein.
Da Miller derzeit zusammen mit dem großartigen Robert Rodriguez an einer Verfilmung (bestehend aus der hier besprochenen Story sowie #7 “The Big Fat Kill” und #8 “That Yellow Bastard”) der Reihe arbeitet, ist wohl demnächst mit einer Neuauflage zu rechnen. Ich gehe allerdings von der deutschen Erstausgabe von Carlsen aus, die Sortierung kann sich also bald ändern.
Der Beginn der Saga um Sin City, eine dreckige, korrupte Großstadt irgendwo in den Wüsten Nordamerikas, schildert die Geschichte des innerlich wie äußerlich vernarbten Gangsters Marv, der nach einer Ewigkeit der Einsamkeit in Goldie eine Frau gefunden hat, die ihn akzeptiert.
Am nächsten Morgen ist sie tot und er wird als ihr Mörder gejagt. Nun, wo ihm der letzte Halt genommen wurde sieht Marv sein Leben als beendet an – nur Rache will er noch nehmen, bevor es mit ihm zuende geht:
“Ich werde dem Schwein ins Gesicht sehen und lachen, wenn er zu Gott fleht, und ich werde noch lauter lachen, wenn er wie ein Baby wimmert. Und wenn seine Augen erlöschen, wird ihm die Hölle, in die er geriet, wie der Himmel vorkommen, wenn ich mit ihm fertig bin.”
Und Marv macht keine leeren Drohungen!

Es gibt viele Filme, Comics, Bücher und Serien, die von sich behaupten, moderner film noir-Stil zu sein – “Sin City” ist einer der wenigen Fälle, in denen es stimmt! Trotz der Kürze der Geschichte gelingt es Miller, eine unglaublich fesselnde grimmige Atmosphäre zu schaffen, während sein Anti-Held auf Rachefeldzug geht.
Sowohl eine besonderheit als auch einziger Nachteil sind die vollkommen ohne jeden Grauton auskommenden schwarz-weiß-Zeichnungen: oftmals fällt es schwer, den Bildinhalt auf den ersten Blick zu erfassen, was das Lesetempo erheblich bremst, insbesondere, da manchmal gar zwischen Positiv- und Negativsicht gewechselt wird (eben ist Marvs Mantel weiß und die Wand hinter ihm schwarz, im nächsten Bild ist es genau umgekehrt). Trotzdem gibt gerade dieser kontraststarke, nuancenlose Stil “Sin City” seine Unverwechselbarkeit und Atmosphäre, und gerade diese hoffnungslos pessimistische Stimmung ist auch der große Trumph der Reihe.
Das Gewaltlevel von “Sin City” ist recht hoch. Um seinen Schmerz zumindest zeitweise zu betäuben, läßt Marv andere leiden: er bricht Knochen, zerschmettert Schädel und schmirgelt seinen Feinden das Gesicht ab, indem er ihre Köpfe aus einem fahrenden Auto auf den Asphalt presst – und das ist gar nichts, gegen das, was er Goldies Mördern anzutun gedenkt. Diese Gewalt wird jedoch nie dreckig voyeuristisch dargestellt; lediglich der Geschichte dienend gehört sie nun einmal zur düsteren Welt von “Sin City” und ist in den harten schwarz/weiß-Kontrasten oft nur zu erahnen.
Also: wer nichts gegen depressive Geschichten voller Trauer, Schmerz und seelischer Abgründe hat, sollte der Stadt der Sünde ruhig mal einen Besuch abstatten. Schon, um dann irgendwann im Kino lautstark Änderungen zu bemängeln und so den Respekt der Umsitzenden zu erlangen.
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Dirk M. Jürgens